Moin. Ich wollte mal ein paar Worte zur Entstehung eines Fotos verlieren, dass bei einem Shooting-Event vor rund einem Jahr entstanden ist, und von dem ich hier, hier und hier auch schon mal berichtet hatte. Nach Social-Media-Maßstäben ist es damit ein unglaubliches altes Foto. Aber was sind schon Social-Media-Maßstäbe, wenn das Foto zu den persönlichen Favoriten zählt. Jedenfalls belegt dieses Foto die alte Weisheit, dass es unter den vielen Fotos, die man so anfertigt, immer mal wieder welche dabei sind, die einen besonders lieb sind.

Das seinerzeitige Shooting-Event war eine Zusammenkunft von vier Fotografierenden (ist so ein geschlechtsneutraler Plural nicht die absolute Wonne?), die sich an einem trüben Samstag im November die Kosten einer schlichtweg genialen Location, der „Alten Schachtel“ in Mülheim (Ruhr) geteilt haben und dort mit einigen Modellen verabredet waren. Die Location ist eine ehemalige Kleingewerbehalle, die der jetzige Besitzerin im Normalbetrieb als Wohnung dient, und für Lesungen, Kleinkunst oder eben auch Fotoshootings vermietet wird. Sie bietet viele verschiedene Ecken und ist mit charaktervollen Möbeln – sogar einer kleinen Kirchenorgel – ausgestattet.

Hier aber erst mal das Foto, um das es heute geht, in voller Schönheit:

Julia, die Protagonistin des Fotos, war eines dieser Modelle (Link zu ihrem Profil). Gegen Ende des Shootingtages hatte sie sich mit einem bezaubernden schwarzen Minikleid bewaffnet. Und weil ich das grüne Chesterfield-Sofa der Location bis dahin noch nicht als Fotospot genutzt hatte, erschien es mir als die ideale Auswahl. Der Weisheit eines gewissen Joe McNally (aka „the magical unicorn of Lighting“) folgend, wählte ich eine Lichtquelle, die in der Form meinem Motiv entsprach: lang und schmal – mit anderen Worten ein Striplight, dessen Lichtstreuung zusätzlich durch einen Wabeneinsatz begrenzt wurde. Das Striplight setzte ich über ein Galgenstativ tendenziell von oben über die Couch, so dass die Leuchtfläche im Prinzip der Sitzfläche folgte.

Je nach Position von Julia habe ich dann die Ausrichtung und den Winkel des Lichts noch angepasst, so dass tendenziell Julias Gesicht immer einen Ticken näher an der Lichtquelle war – also etwas heller beleuchtet wurde, als der Rest. Die Ausrichtung des Lichtes von oben führte dann auch zu der im Foto ersichtlichen Pose mit nach oben gerichtetem Gesicht. Denn hätte Julia ihren Kopf in der Vertikalen gerade gehalten, wäre die Ausleuchtung des Gesichts bei weitem nicht so gleichmäßig gewesen. Zumindest die Augen wären im Schatten der Augenhöhlen verschwunden – ein Todesurteil für so ein Foto.

Wichtig für das Foto war auch die Kameraposition auf der Rückseite des Sofas mit dem Blick diagonal über das Sitzmöbel hinweg zu Julia. Die aus der Unschärfe vor der Fokusebene zu Julia hin laufende Oberseite der Rückenlehne ergibt ein schönes Element, dass den Blick gut zu Julia hinführt, ohne selber zu aufdringlich zu sein.

Schließlich habe ich noch darauf geachtet, dass nicht einer der Fensterrahmen im Hintergrund aus Julias Kopf wächst. Es gibt ja kaum etwas, was häufiger zu diesem klatschenden Geräusch führt, wenn die Handfläche die Stirn trifft, als irgendwelche Bäume, Laternenpfähle oder anderen aufdringliche vertikale Linien, die der fotografierten Person aus dem Kopf wachsen. Meist sind solche Dinge ja beim Fotografieren anscheinend unsichtbar und fallen erst beim Betrachten der Bilder am Rechner auf. Hier hatte ich erstaunlicherweise noch genügend Power in den Synapsen, um auch darauf zu achten.

Schlußendlich gab es im Nachhinein nur noch ein Problemchen zu eliminieren: Wie ersichtlich war es schon recht dunkel draußen, so dass die Fensterflächen durchgängig schwarz waren. Links von Julia (aus der Fotografensicht) stand ein kleines Dekolämpchen auf der Fensterbank, dass einen netten warmen Lichtblob erzeugte. Ansonsten herrschte da gähnende Leere in den Fenstern. Aber wofür hat der liebe Gott schließlich Photoshop erfunden, wenn nicht für die Möglichkeit, einem guten Foto noch ein I-Tüpfelchen aufzusetzen. Hier besteht das I-Tüpfelchen aus einem Duplikat des Dekolämpchens auf Julias rechter Seite und in den Lichterketten, die ich mittels Photoshop fix in die schwarzen Bereiche der Fenster gehangen habe.

Und das war es dann auch schon. Die Basis war an sich denkbar einfach: Ein gutes Model, eine schicke Couch, und ein einzelnes Blitzlicht.

 

Vielen Dank, Julia!