Moin zusammen.

Ich war kürzlich wieder einmal in Sachen Familienfotografie unterwegs, und hatte die Ehre ein paar Fotos für eine Familie mit einem Kindergartenkind und einem wenige Wochen alten Säugling zu machen. Wie (fast) immer fand das Shooting bei der Familie zu Hause statt. Das heißt: Fotostudio ins Auto packen, rüberfahren, und dann – ganz wichtig – erstmal umschauen, welche fotografischen Gelegenheiten sich denn vor Ort ergeben. Dann erst Sachen aus dem vollgepackten Auto holen, und zwar ganz gezielt nur die, die ich auch wirklich brauche.

Hintergrundsystem? Hab ich nicht gebraucht, weil die vorhandenen weißen Wände des Wohnzimmers mit den vorhandenen weißen, leicht transparenten Vorhängen einen schönen neutralen Hintergrund boten. Wir haben einfach nur den Wohnzimmertisch ein Stück beiseite gerückt, über eine Couch ein Stück meines weißen Moltons geworfen, und schon war in einem wirklich nicht gerade supergroßen Wohnzimmer eine ganz neutrale, unaufdringliche Foto-Location entstanden, die trotzdem noch wohnlichen Charakter hatte. Das mag ich gerade für Familienfotos sehr. Da ist mir nämlich die Neutralität eines Studiohintergrundes gerne auch mal ein bißchen zu steril. Und außerdem blieb mir der Kampf mit potenziellen Falten im Stoffhintergrund erspart.

Studioblitze? Habe ich auch nicht gebraucht. Alle Fotos, wo Blitz zum Einsatz kam, wurden mit einem einsamen Aufsteckblitz + großem Durchlichtschirm (120cm) erledigt. Die Komination lieferte mir bei 1/4-Leistung genug Power, um die vierköpfige Familie auf der Couch mit Blende 5.0 / ISO 800 zu fotografieren. Blende 5.0 gab mir bei den mittleren Brennweiten genug Schärfentiefe für die ganze Familie, und so ein Aufsteckblitzchen auf dem Stativ ist schon rein vom Gewicht her um Welten einfacher zu handhaben, als ein dicker Studioblitz. Vom fehlenden Stromkabelgewirr mal ganz zu schweigen.

Und ja, ich weiß: „Warum denn ISO 800 und den Blitz auf 1/4? Das wär doch auch mit ISO 200 und Blitz auf 1/1 gegangen.“ Stimmt. Wäre gegangen.

ABER außer für 200%-Pixel-Peeper sieht ISO 800 an einer aktuellen Kamera genau so gut aus, wie ISO 200, da mache ich mich bei meiner D800 nun wirklich absolut keine Gedanken. Durch die reduzierte Leistungsabgabe beim Blitz hatte ich aber eine erheblich schnellere Ladezeit bzw. Blitzfolgezeit, und DAS war mir dagegen wirklich wichtig. Gerade wenn Kinder mit im Spiel sind, können nämlich auch mal schnellere Fotosalven angebracht sein.

Das gibt dann z.B. Ergebnisse, wie das hier links. Schön offen und weich ausgeleuchtet von einem einzelnen Blitzchen. Und ein richtig echtes Familienfoto: Die kleine Maus knatscht etwas vor sich hin, und der ganze Rest der Familie schaut rüber und versucht sie aufzuheitern. Richtig aus dem wirklichen Leben und kein „Jetzt-schau-doch-mal-in-die-Kamera-und-lächel-mal-schön-Foto“. Gut, auch die braucht man natürlich, und die haben wir natürlich auch an diesem Tag fotografiert, aber ich finde SOLCHE Fotos hier, wo die Interaktion in der Familie auf dem Bild sichtbar wird, eigentlich viel schöner.

Ein Großteil der Fotos entstand sogar mal wieder ganz schlicht und ergreifend mit Fensterlicht. Wie das Foto hier, dass auch das Beitragsbild geworden ist:

Einfach die Mutter mit ihren beiden Kindern vor einem großen Fenster im langen Flur des Hauses platziert und mit 100mm Brennweite aus der Küche heraus fotografiert. Ich brauchte aufgrund der weißen Wand gegenüber vom Fenster (ca. 1m jenseits des rechten Bildrandes) nicht mal einen Aufheller für die Schattenseite. Und zur Aufhellung der Kinder reichte das weiße Oberteil der Mutter. Das Leben kann ja manchmal so einfach sein. Kein Kampf mit Blitzladezeiten, kein Kampf mit irgendwelchen Blitzsynchronzeiten, sondern einfach nur die Familie, eine Kamera und los geht’s.

Von genau dieser Stelle gibt’s dann auch noch einen weiteren, kleinen Lernpunkt mitzunehmen: Selbst kleine Änderungen des Blickwinkels vom Fotograf auf die Person können zu ganz krassen Unterschieden im Bildergebnis führen.

Schaut mal hier:

Im Bild links wird der Hintergrund vom Fensterrahmen und den weißen, transparenten Vorhängen gebildet.
Und dann bin ich einfach einen Schritt nach links gegangen, weshalb ich bei unveränderter Position der Mutter die Kamera leicht nach rechts geschwenkt habe. Folge: Fensterrahmen und Vorhänge bildeten nicht mehr den Hintergrund, sondern die Wände des unbeleuchteten Flures (siehe Bild oben rechts).
Ergebnis: Ein ganz anderes Bild mit nur einem Schritt nach links.

Also: Wenn ihr irgendwo „On Location“ seid, schaut euch genau um. Wo kommt Licht her? Was bieten sich für Möglichkeiten an? Wie könnt ihr den Aufbauaufwand und Materialeinsatz möglichst gering halten? Und wenn ihr dann fotografiert, ändert mal geringfügig euren Blickwinkel. Ihr könntet möglicherweise mit minimalstem Aufwand den Output einer Location verdoppeln.

Im Ergebnis hatte ich – wie immer –  für den Fall der Fälle alles (na gut, FAST alles), was das heimische Fotozeuchmateriallager her gab, ins Auto geladen aber nur einen Bruchteil davon wirklich gebraucht. So konnte ich an diesem Tag innerhalb von rund 3 Stunden ohne große Materialschlacht eine ziemliche Vielfalt an Fotos erstellen – ich habe in der Tat bloß ein (also: 1) Galgenstativ mit Aufsteckblitz, Funkauslöser und Schirm und natürlich meine Kamera mit 3 verschiedenen Objektiven benutzt. Hätte ich erstmal noch das Hintergrundsystem aufgebaut, hätten wir erstmal noch mehr Mobiliar aus dem Wohnzimmer räumen müssen, womöglich noch einen Blitz zur Aufhellung des Hintergrunds gebraucht, tendenziell aufgrund der räumlichen Verhältnisse noch Probleme mit der sauberen Trennung der Hintergundbeleuchtung von der Beleuchtung der Familie gehabt und so weiter…  Unterm Strich hätte mir auf jeden Fall deutlich weniger Zeit zum Fotografieren zur Verfügung gestanden.

So aber war es ein ziemlich minimalinvasives und auch dadurch erfolgreiches Shooting.
Bis bald.