Das Gruppenfoto. Zwingender Bestandteil so ziemlich jeder Familienfeier, Hochzeit oder sonstigen privaten Anlässen. Zwei Umstände begleiten so ein Gruppenfoto eigentlich immer: Das Foto selber ist begehrt, die Teilnahme an seiner Erstellung ist eher unbeliebt. Irgendwie widersprüchlich, oder? Dabei aber völlig normal, wenn man sich die beiden Punkt mal isoliert anschaut:

Das Foto an sich ist begehrt.

Nahezu jeder möchte es haben, als Erinnerung an den Tag oder den Anlass, um es an die Wand zu hängen oder um es in einem Album aufzubewahren. Vielleicht auch, um es später den Kindern oder Enkeln zeigen zu können: „So war das damals.. Das hier war Tante Else, und so hat mal Dein Onkel Jürgen ausgesehen“ (*allgemeine Erheiterung*). Es sind Ankerpunkte für Erinnerungen an den Tag, den Anlass und an die Teilnehmer. Insofern sind das wichtige Fotos, um die schlichweg niemand herumkommt.

Die Teilnahme an der Fotoerstellung ist eher unbeliebt.

Die aktive Teilnahme an der Erstellung eines Gruppenfotos ist eher weniger beliebt. Das ist an und für sich auch verständlich: Da hat man sich gerade mit einem kühlen Getränk im Schatten niedergelassen und prompt ertönt der Aufruf zum Gruppenfoto. Oder man möchte gerade mit Freunden oder Verwandten schwatzen, die man schon viel zu lange nicht gesehen hat, und dann soll man sich da ‚irgendwo‘ hinstellen, damit ein Gruppenfoto gemacht wird.

Hat man sich dann aufgerafft und steht dichtgedrängt in einer kleinen Menschenmasse – es ist im Zweifel ohnehin viel zu warm – will der Fotograf auch noch, dass man noch enger zusammenrückt, weil er angeblich irgendwo ein Loch in der Menge entdeckt hat. Und der Typ findet einfach kein Ende. Der hat doch jetzt schon mindestens 5 mal abgedrückt.

Ich. Will. Zurück. Zu. Meinem. Bier/Wasser/Kaffe/Whatever! In. Den. Schatten!

Wie gesagt: Völlig verständlich.

Die Sicht des Fotografen:

Die Begeisterung von Fotografen über die Anfertigung klassischer Gruppenfotos der Marke „stellt euch mal dahin“ ist in aller Regel umgekehrt proportional zur Menge der Teilnehmer.

Denn es ist eine ziemliche Herausforderung, eine Gruppe von sagen wir mal 50 Menschen in Position zu bringen, dabei darauf zu achten, dass möglichst alle in die Kamera schauen können und nicht etwa nur auf den Hinterkopf der Person vor ihnen, dass möglichst alle bei der Sache bleiben, und dabei noch Bildausschnitt, Belichtung, Lichteinfall, Fokus und vielen andere Dingen möglichst zeitgleich uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu widmen.

Mit anderen Worten: Es ist einigermaßen unmöglich, allen Bestandteilen die gebührende Aufmerksamkeit zu widmen. Irgendjemand hat garantiert im entscheidenden Moment die Augen geschlossen, gähnt gerade, ist abgelenkt oder macht Faxen.

Hilft aber nix. Kreativität ausleben kann man später; dieses Foto hier wollen sie später alle (naja, wenigstens viele) haben, also muss es so gut wie nur irgend möglich werden.

Was also tun?

1. Vorbereitet sein
Gut, vorbereitet sein (bzw.: gut vorbereitet sein) sollte man sowieso immer. Hier wird es aber insbesondere wichtig, damit nicht die Gruppe schon herumsteht, während ihr noch eure Kamera einstellt oder den Blitz zurechtrückt oder was auch immer macht. Wie oben schon geschrieben: Die meisten Leute, die ihr da zu einer Gruppe zusammendrängt, würden in genau diesem Moment vermutlich lieber etwas ganz anderes machen. Strapaziert deren Geduld nicht, indem ihr Zeit mit Dingen verbringt, die ihr genauso hättet erledigen können, bevor ihr die Massen in Bewegung setzt.

2. Vorlauf lassen
Sagt klar und deutlich, dass die Gastgeber euch gebeten haben, ein Gruppenfoto von der gesamten Truppe anzufertigen, und dass dies in XX Minuten an Ort Y erfolgen wird. Oder lasst es durch die Gastgeber verkünden. Der Punkt ist, dass die Gäste dann noch Gelegenheit haben, sich den Resten ihres Getränks zu widmen, ihr Gespräch nicht umgehend abbrechen müssen, noch mal die Frisur zurechtrücken oder in der Kachelabteilung verschwinden können, oder was auch immer noch an wichtigen Erledigungen ansteht.

Wenn ihr dagegen „sofort“ zum Gruppenfoto bittet, sind ziemlich sicher ein paar Leute überrumpelt und schon deswegen noch weniger erpicht auf die Teilnahme am Gruppenfoto, und mindestens eine(r) unternimmt erst noch anstehende dringende Erledigungen, während der Rest schon bereit steht und ungeduldig wartet. Also: Kündigt die Anfertigung der Gruppenfotos mit Vorlauf an.

3. Kleine Vorrede
Wenn ihr die Gruppe beisammen habt, stellt euch erstmal kurz vor: „Ich bin (Name), der Fotograf am heutigen Tag, und X und Y (Gastgeber) haben mich gebeten, von euch, den geschätzten Gästen, ein Gruppenfoto zu machen.“. Damit habt ihr a) euren Namen unters Volk gebracht und b) euren Status und die Beziehung zum Auftraggeber geklärt (ich = offizieller vom Gastgeber bestellter Fotograf) und nebenbei dem Auftraggeber die Schuld an den Unbequemlichkeiten des Gruppenfotos zugeschustert ;-).
Teilt den Leuten außerdem erstmal mit, was passieren wird und welcher Zeitrahmen dafür benötigt wird. Sagt den Leuten, wie unendlich leid es euch tut, sie aus ihren bevorzugten Beschäftigungen herauszureißen und versichert ihnen, dass ihr alles menschenmögliche tun werdet, damit das Gruppenfoto so kurz und schmerzhaft schmerzlos wie möglich wird.
Wenn ihr mehrere verschiedene Gruppenfotos machen wollt, teilt das vorher mit. Die Leute müssen wissen, worauf sie sich einstellen sollen.
Wenn ihr bestimmte Methoden anwenden wollt (siehe z. B. ‚Anzählen‘), sagt das den Leuten jetzt.

4. Klare Ansagen
Sagt den Leuten, was ihr von ihnen erwartet. Wenn sich ein etwas kleiner geratener Mensch in die letzte Reihe verdrückt (und es gibt fast immer jemanden, der sich lieber ‚verstecken‘ will, als in der ersten Reihe zu stehen) sortiert sie gezielt um! Und zwar bitte höflich. Also nicht mit den Worten: „Ich kann zwar sehr gut verstehen, warum Sie sich lieber verstecken möchten, aber sie sind nunmal der/die Kleinste hier, also kommen Sie mal schön nach vorne.“, sondern vielleicht lieber mit „Ich habe hier vorne in der ersten Reihe noch eine Lücke, die wie geschaffen für Sie ist. Würde es Ihnen etwas ausmachen, kurz nach hier vorne zu kommen?“

Und wenn ihr gezielt einzelne Personen dirigiert, stellt sicher, dass klar ist, wen ihr ansprecht. Wenn ihr die Namen nicht kennt – bei großen Gruppen ja der Regelfall – bezieht euch auf die Kleidung, schaut die Person gezielt an, deutet auf sie, was auch immer. Nehmt eine euch namentlich bekannte Person als Referenzpunkt („Die Dame in blau, die an dritter Stelle in dieser Richtung neben XY steht…“). Und niemals „links“,“rechts“ als Richtungsangabe, das verwirrt nur. („Meint er jetzt ’sein rechts‘ oder ‚mein rechts‘?“) „In diese Richtung“ + Fingerzeig ist viel schneller und zuverlässiger.

Sagt den Leuten, was ihr macht. Wenn ihr einen Testschuss macht, sagt das. Wenn es dann losgeht, sagt das. Wenn ihr etwas verändern müsst, sagt das (und seid schnell mit der Änderung! Was ja kein Problem ist, denn ihr seid ja gut vorbereitet ;-)). Wenn ihr die letzten drei Fotos macht, sagt das. Informiert die Leute über das was passiert. Es ist die einfachste Art und Weise, in Kontakt mit der Gruppe zu bleiben und den Leuten eine Perspektive darüber zu geben, an welcher Stelle im Prozess ‚Gruppenfoto‘ sie sich befinden und daraus zu schließen, wann es in etwa vorbei ist.

Wenn Kinder dabei sind, gibt es oft eine oder mehrere Personen, die sich berufen sehen, ständig danach zu schauen, ob die Kinder auch „schön brav sind“ und infolgedessen niemals selber dem Fotograf ihre Aufmerksamkeit schenken. Identifiziert diese Leute und sagt ihnen ganz gezielt, dass ihr deren Mithilfe sehr zu schätzen wisst, es aber noch besser fändet, wenn auch sie gelegentlich zum Fotografen schauen würden.

5. Anzählen
Eines der Hauptprobleme mit Gruppen ist es, dass immer jemand im Moment der Aufnahme wegschaut, die Augen schließt etc. Grund dafür ist ganz einfach, dass die Leute nicht wissen, wann genau ihr die Aufnahme macht. Und genau deshalb habe ich mir das Anzählen eingewöhnt: EINS – ZWEI – DREI – KLICK.

Bei jedem Foto.

Man kommt sich zwar vor, wie eine kaputte Schallplatte (kurze Zwischenfrage: Wer weiß noch, was eine Schallplatte ist?), aber seitdem ich das mache, ist die Ausschussquote bei Gruppenfotos aufgrund komischer Gesichtsausdrücke, geschlossener Augen etc. deutlich gesunken.

Natürlich erkläre ich diese Vorgehensweise auch in meiner kleinen Vorrede, damit die Leute wissen, dass sie bei EINS nochmal herzhaft gähnen und bei ZWEI nochmal schnell den Nachbarn ärgern können, bei DREI allmählich ihre Aufmerksamkeit dem Fotografen zuwenden sollten und bei KLICK dann alle gemeinsam wunderbar zur Kamera schauen.

Klappt wunderbar, Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel…

6. Reden, bis der Arzt kommt
Ihr müsst die ganze Zeit über die Aufmerksamkeit möglichst aller Personen auf euch ziehen. Seid ihr schweigsam und fotografiert einfach so vor euch hin, wandert die Aufmerksamkeit der Leute unweigerlich spätestens nach dem ersten Foto von euch zum jeweiligen Nachbarn, einem Vögelchen im Baum rechts hinter euch oder zur netten Radfahrerin, die zufällig des Weges fährt.

REDET mit den Leuten. Auch zwischen EINS-ZWEI-DREI-KLICK. Lobt sie für ihr Durchhaltevermögen, lobt sie insgesamt („So eine Ansammlung gutaussehender Menschen hatte ich schon lange nicht mehr die Ehre zu fotografieren!“) oder einzelne insbesondere für ihr Aussehen („Das war ein besonders charmanter/feuriger/… Blick von dem Dame in Grün rechts in der zweiten Reihe.“).

Oft genug betrete ich dabei einen schmalen Grad am Rande des guten Geschmacks, um nur irgendwie die Aufmerksamkeit der Gruppe nicht zu verlieren und zudem so gut wie möglich für eine allgemeine Erheiterung und damit Entspannung derselben zu sorgen. Oft genug bin ich mit den ganzen Anforderungen, die das Fotografieren solch einer Gruppe mit sich bringt, so ausgelastet, dass das, was die für die verbale Unterhaltung der Gruppe verbliebenen fünf Synapsen so produzieren, nur noch im Unterbewußtsein abläuft und ich nachträglich nur hoffen kann, niemanden ernstlich beleidigt zu haben…

7. Gruppe dynamisieren
Die meisten Personen kennen Gruppenfotos nur als aktionsloses Nebeneinanderstehen im Rudel. Macht dieses Foto, es wird erwartet. Und dann löst euch davon. Versucht, die Leute jubeln zu lassen, sagt den Leuten, sie sollen die jeweils vor Ihnen stehenden kitzeln, lasst die Gruppe hüpfen oder auf einem Bein stehen, was auch immer ihr mit der jeweiligen Ansammlung von Personen, die da vor euch steht, für vertretbar haltet.
Die meisten dieser Fotos taugen nur zum Wegwerfen oder zur allgemeinen Erheiterung eurer Auftraggeber, denn wenn man Dynamik in so eine Aufstellung bringt, wird immer irgendjemand verdeckt, oder schaut merkwürdig drein, oder fällt sonstwie der Gruppendynamik zum Opfer.

Aber es lockert die Gruppe auf. Und kehrt ihr dann abschließend zu den „letzten drei“ normalen, aufgestellten Gruppenfotos zurück, ist der ganz Haufen in aller Regel deutlich lockerer, weil sie alle zusammen etwas völlig Albernes gemacht haben.

8. Macht etwas völlig anderes
Schon mal eine Hochzeitsgesellschaft in einer Reihe auf einem Bahnsteig aufgestellt und eine La Ola Welle laufen lassen?
Schon mal Gruppenfotos als Kugelpanorama („little planet“) gesehen? Habe ich als Tipp vom Hamburger Hochzeitsfotograf +Patrick Ludolph aus der Hochzeitsfolge (Staffel 1, Folge 6) des Podcasts „das Maddin und das Paddy“ mit +Martin Krolop und +Patrick Ludolph übernommen.
Schon mal eine Gruppe „in Form“ (klassisch bei hochzeiten z.B: Herzform) aufgestellt und von einem erhöhtem Standpunkt aus fotografiert?

Nein?

Bemüht mal das Internet, da gibt es wirklich tolle Ideen, rund um das Thema „Gruppenfoto“, die wirklich anders sind, als das klassische „stellt euch mal da hin“-Foto. Und es macht deutlich mehr Spaß.

Leider geht sowas nicht in jedem Fall, denn dafür braucht man erstens passende Örtlichkeiten, zweitens eine Gruppe, mit der man das machen kann, und drittens ein wenig mehr Zeit. Denn solche spezielleren Gruppenfotos sind vielleicht nicht jedermanns Sache, weshalb ich immer erstmal den „Klassiker“ und dann „das Besondere“ mache. Und außerdem habe ich mit dem „Klassiker“ eine Rückfallebene, wenn das spezielle Gruppenfoto schieflaufen sollte.

Also, viel Spaß beim nächsten Gruppenfoto.

Bis bald.